GAIA-X: Fraunhofer ist Key-Player beim Bau einer föderalen Dateninfrastruktur für Europa

European Association for Data and Cloud

Eine offene Dateninfrastruktur, auf deren Basis Daten sicher und souverän nach europäischen Werten geteilt werden können: Das ist das Ziel der sogenannten GAIA-X AISBL (in Gründung), der heute schon rund 180 Organisationen aus 15 verschiedenen europäischen Ländern angehören. In einem offenen und transparenten digitalen Ökosystem will GAIA-X Daten zur Verfügung stellen, zusammenführen und vertrauensvoll teilen sowie dazugehörende Dienste anbieten. Das Ziel: neue digitale Geschäftsmodelle zu ermöglichen, um den Wirtschaftsstandort Europa langfristig zu stärken.

Eine Menge Vorarbeit für dieses ehrgeizige Projekt wurde bereits geleistet: So werden die »International Data Spaces«, die unter Fraunhofer-Forschungsflagge bereits ihren Einzug in die Wirtschaft gehalten haben, ein substanzieller Beitrag für GAIA-X sein. Sie bilden den Standard für »Data in use«, also für die Art und Weise, wie Daten ausgetauscht werden. Als Interims-CTO von GAIA-X wird Prof. Dr.-Ing. Boris Otto, Institutsleiter am Fraunhofer ISST, die technische Ausgestaltung von GAIA-X auch weiterhin maßgeblich prägen.

Im Interview:

Prof. Dr.-Ing. Boris Otto, Institutsleiter am Fraunhofer ISST und Interims-CTO der GAIA-X AISBL

 

Was ist GAIA-X?

GAIA-X ist die europäische Antwort darauf, wie die Zusammenarbeit von Unternehmen auf Datenebene funktionieren kann. In den verteilten Wertschöpfungsketten, die wir heute in der Wirtschaft sehen und in Zukunft noch stärker sehen werden, müssen Daten zwischen Unternehmen ausgetauscht werden. Dies ist jedoch für die Wirtschaft eine sehr sensible Angelegenheit. Es muss daher einen Rahmen für eine sichere und faire gemeinsame Datennutzung geben, bei der der Datengeber die Kontrolle darüber behält, was mit seinen Daten geschieht. Diesen Rahmen schafft GAIA-X.


Ist GAIA-X also eine Art europäische Cloud zum Austausch von Daten?

GAIA-X ist keine europäische Cloud, sondern eine Organisation, die den europäischen Standard für Clouds setzt. Zurzeit wird der Markt für Cloud-Dienstleistungen durch amerikanische Anbieter dominiert. Wir wollen mit GAIA-X einen Standard für Cloud-Plattformen festlegen, der unseren europäischen Werten – Offenheit, Transparenz, Interoperabilität und Vertrauen – gerecht wird und zu unseren Geschäftsmodellen passt.


Warum muss es überhaupt eine Infrastruktur für das Teilen von Daten geben?

In einer ökonomischen Entwicklung, die von verteilten Wertschöpfungsnetzwerken geprägt ist, gibt es eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit für Unternehmen, Daten zu teilen. Moderne Produkte und Dienstleistungen entstehen durch ein Zusammenspiel mehrerer Player. Im Prinzip läuft es hier nicht anders als bei einer guten Party: Jeder muss etwas mitbringen, damit sie ein Erfolg wird.


Wie ist denn der aktuelle Status?

Es gibt bei GAIA-X einen beachtlichen Enthusiasmus, eine sehr aktive Community und wir haben nun die wichtigsten Strukturen geschaffen. Die fast 180 Organisationen, die schon heute bei GAIA-X dabei sind, stammen zum größten Teil aus 15 Ländern Europas. Das Interesse ist groß!

Das Verfahren zur Zertifizierung, ob Dienste GAIA-X-konform sind, braucht aber noch etwas Zeit. Aber wir werden Mitte nächsten Jahres die ersten zertifizierten GAIA-X-Anwendungen wie beispielsweise Mobility, Industrie 4.0, Healthcare, Energy, Finance und Aerospace sehen.


Ist GAIA-X gewinnorientiert?

GAIA-X hat kein eigenes, profitorientiertes Geschäftsmodell. Ich glaube, es wäre völlig falsch, wenn wir Einfluss auf Geschäftsmodelle nehmen würden, die sich am Markt entwickeln. GAIA-X setzt quasi die Straßenverkehrsordnung, auf den Straßen fahren sollen dann aber Speditionen und Busunternehmen.


Warum gehören auch Konzerne außerhalb Europas zu den Gründungsmitgliedern der GAIA-X Foundation?

Wir wollen uns in Europa nicht abschotten, sondern jeden mitspielen lassen, der sich an die bei uns geltenden Spielregeln hält. Insofern ist es zweitrangig, wo ein Cloudanbieter seinen Hauptsitz hat. Wichtig ist, dass er sich an unsere Standards hält. Dem in GAIA-X definierten Cloud Act müssen sich alle unterwerfen, die mit uns in Europa Geschäfte machen wollen. Wir sehen hier aber auch ein ernsthaftes und konstruktives Interesse internationaler Anbieter, dies zu tun.


Sind die Unternehmen denn schon bereit und in der Lage, ihre Daten zu teilen?

Viele Unternehmen müssen in Bezug auf ihre Daten erstmal eine Art Housekeeping betreiben, denn sie wissen oft gar nicht, welche Daten sie überhaupt haben und wie sie diese intern wie extern verfügbar machen können. Datenmanagement ist nichts für IT-Nerds, sondern muss genau so als Unternehmensfunktion angegangen werden wie die Produktentwicklung oder die Personalwirtschaft. Nur dann können datengetriebene Geschäftsmodelle effizient und erfolgreich umgesetzt werden.
 

Welchen Beitrag leisten Fraunhofer und hier insbesondere die Arbeiten zu den International Data Spaces für GAIA-X?

Die International Data Spaces, an denen die International Data Spaces Association (IDSA) gemeinsam mit Fraunhofer seit fünf Jahren arbeiten, regeln den Umgang von Daten, wenn sie genutzt werden (Data-in-use), denn mithilfe der IDS-Architektur werden bei unternehmensübergreifendem Datenaustausch die Nutzungsbedingungen für die Daten mit ausgetauscht. Das liefert die AGBs für die Datenökonomie.

Bisher war bei Datensouveränität allerdings die Frage der Speicherung der Daten (Data-in-rest) noch offen. Das ändert sich mit GAIA-X. Dezentral aufgebaute Datenräume wie GAIA-X sind technisch komplexer, als wenn es einen großen Topf für die Datenhaltung in der Mitte gibt. Sie sind aber notwendig, um Vertrauen zu schaffen. Wir freuen uns sehr, als Mitglied der ersten Stunde diese wichtige Aufgabe nun gemeinsam mit den vielen Partnern von GAIA-X zu lösen, um die europäische Wirtschaft im Bereich der Datenökonomie zukunftsfähig aufzustellen.